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ENTOMOLOGISCHE GESELLSCHAFT ZÜRICH, Sitzung vom 14. November 2008
Vorsitz: Claude Meier
Anwesend: 52 Mitglieder und Gäste
Entschuldigt: G. Bächli, D. Burckhardt, B. Merz, H. Thomas
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Prof. Dr. Peter Duëlli : Die Faszination seltener Arten
Ausgehend von der Erfahrung, dass kaum jemand alle
Lebensformen unseres Planeten gleichermassen interessant findet, versucht der Referent am Beispiel der Insekten mit einprägsamem Bildmaterial zu ergründen, warum wir nicht nur schöne
oder sonstwie auffällige Arten - sowie solche mit einer ungewöhnlichen Lebensweise - attraktiv finden, sondern vor allem auch seltene.
Wir sehen zunächst nebst einem skurril geformten Giraffen-Rüsselkäfer aus Neuguinea auch die hammerhaimässig in die Breite gezogenen
Augen der afrikanischen Fliege Diopsis thoracica, deren Larve als Reisschädling auftritt. Da ist es also noch nicht die Seltenheit, welche fasziniert.
Anhand von Insekten, die aussergewöhnliche Körperformen mit bemerkenswerten Lebensweisen verbinden, lernen wir den Begriff der Mimikry
(Nachahmung anderer Organismen) kennen. Jene tropische Heuschrecke, die aussieht wie ein angefressenes Blatt, betreibt Mimikry. Bei der Müller’schen Mimikry hingegen zeigen die
betreffenden Arten Signale, wie z.B. das schwarz-gelbe, Giftigkeit signalisierende Farbmuster von Faltenwespen (Vespidae). Da diese damit niemanden nachahmen, ist es streng genommen
keine echte Mimikry. Die Bates’sche Mimikry hinwiederum ist echt, da eine Müller’sche Mimikry gemimt wird, wie etwa bei harmlosen Glasflüglern (Sesiidae) oder Schwebfliegen (Syrphidae),
die aussehen wie wehrhafte Stechimmen (Aculeata). Werden im Sinne von Bates’scher Mimikry Ameisen nachgeahmt - wie z.B. von der Ameisenwanze (Myrmecoris gracilis) – sprechen wir
von Wasmann’scher Mimikry.
Richtig spannend wird es, als der Referent zur unscheinbaren, winzigen Huckepackameise Teleutomyrmex schneideri wechselt, die
unser damaliges Mitglied Heinrich Kutter 1949 bei Saas Fee auf 2000 m ü.M. entdeckte. Seither wurde sie auch weltweit nur noch an wenigen Stellen (Wallis, Frankreich, Spanien)
Westeuropas gefunden. Sie lebt als inquiliner (mitbewohnender), denkbar harmloser Sozialparasit bei Rasenameisen (Tetramorium). Es handelt sich demnach um eine extrem seltene Art
von vergleichsweise minimaler ökologischer Bedeutung. Allein ihre Seltenheit macht sie für uns so aufregend.
Auch Arten die nur national selten sind, wie z.B. der Variable Erdbock (Dorcadion fulginator) oder die zu den Skorpionsfliegen (Mecoptera)
gehörende, sandige Alluvionen (Flussschwemmländer) in Waldrandnähe bewohnende Mückenhaft Bittacus italicus können in Kennerkreisen ähnlichen Aufruhr verursachen wie der auch
europaweit selten gewordene Alpenbock (Rosalia alpina). Es spielt uns also eine Rolle, ob eine Art einheimisch ist oder nicht. So auch bei der im mediterranen Raum häufigen, bei
uns aber nur isoliert im Pfynwald (VS, Leuk) lebenden Mittelmeerflorfliege (Chrysoperla mediterranea).
Auch weltweit selten und bei uns deshalb besonders gern gesehen sind Arten wie der zu den Ameisenjungfern (Neuroptera: Myrmeleontidae)
gehörende Panther-Holzlöwe (Dendroleon pantherinus), dessen Larve wiederholt in der Kaminasche von Rustici gefunden wurde, die in Selven (Kastanienwälder) liegen. In letzteren
kann man mitunter auch die seltene Fanghaft (Neuroptera: Mantispidae) Mantispa styriaca antreffen.
Da der Referent ein international bedeutender Kenner der Netzflügler (Neuroptera) ist, erfahren wir auch viel Wissenswertes über die
Florfliege Hypochrysa elegans, die zu einer archaischen, reliktär verbreiteten Unterfamilie (Chrysopidae: Nothochrysinae) mit Pollen (statt Blattlaus-Honigtau) fressenden
Vertreterinnen gehört. Auch spektakuläre Funde zweier seltener südafrikanischer Gattungen (Kimochrysa, Pamochrysa) werden uns nicht verschwiegen.
Der Vortrag gipfelt in der Frage, warum uns Seltenheit so wertvoll sei. Während ein Ökonom die Antwort wohl schlicht im geringen Angebot
suchen würde, bemüht sich der Referent um psychologische Gründe wie Besitzerstolz, Herausforderung, Sammelwut, Untergangsfaszination, Verantwortung u.ä. Weil er dabei ohne falsche Scheu
unsere tiefsten, manchmal fast schon religiösen Beweggründe hinterfragt, entspinnt sich die intensivste Diskussion seit Jahr und Tag.
Ende der Sitzung: 2145 Uhr der Aktuar: Rainer Neumeyer
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