|
ENTOMOLOGISCHE GESELLSCHAFT ZÜRICH, Sitzung vom 5. Februar 2010
Vorsitz: Claude Meier
Anwesend: 50 Mitglieder und Gäste
Entschuldigt: Heidi Günthardt, Sonja Hauenstein, Franziska Heusser, H. Thomas
Mitteilung: Unsere traditionelle Samstagsexkursion an den Lopper (NW) ist vom 12.6. auf den 19.6.2010 verschoben worden!
--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Christoph Germann: Surprise – Geschichten aus dem
Rüsselkäfer-Kästchen
Von der weltweit ausserordentlich artenreichen Überfamilie der
Rüsselkäferartigen (Curculionoidea) leben in der Schweiz nach neuestem Stand 1050 Arten. Sie verteilen sich auf 10 Familien: Breitrüssler (Anthribidae), Spitzmausrüssler (Apionidae),
Blattroller (Attelabidae), Schlankrüssler (Cimberidae), Rüsselkäfer (Curculionidae), Ritterspornrüssler (Nemonychidae), Kernkäfer (Platypodidae), Triebstecher (Rhynchitidae), Borkenkäfer
(Scolytidae) und Rüsselsamenkäfer (Urodonidae). Die meisten dieser Arten sind Rüsselkäfer, gefolgt von Spitzmausrüsslern und Borkenkäfern. 45 (4.3%) der erwähnten Arten sind bei uns erst
nach dem Jahr 2000 festgestellt worden, 128 (12.2%) Arten seit dem Jahr 1960 nie mehr.
Anders als bei den meisten anderen Tiergruppen
fand man bislang die reichste Fauna an Rüsselkäferartigen weder im Wallis (706 Arten) noch auf der Alpensüdseite (668), sondern erstaunlicherweise im Mittelland (869).
Wie wir erfahren, ist der namensgebende Rüssel –
an welchem normalerweise auch die Fühler ansetzen – beim Weibchen oft länger als beim Männchen derselben Art. So auch beim Weibchen des alpinen Rüsselkäfers Microplontus fairmairii,
das mit seinen an der Rüsselspitze sitzenden Mundwerkzeugen tiefe Löcher in Blütenköpfe des Gemswurz-Greiskrautes (Senecio doronicum) treibt, um danach (aus der Hinterleibsspitze)
Eier darin abzulegen.
Ferner ist der Rüssel bei spezialisierten,
oligophagen (sich nur von wenigen Pflanzenarten ernährenden) Arten generell und in beiden Geschlechtern länger als bei polyphagen (sich von vielen Pflanzenarten ernährenden)
Generalisten, die an Blättern oft kerbenartige Frassspuren hinterlassen. Eine Ausnahme bildet somit der kurzrüsselige Rüsselkäfer Pachyrhinus lethierryi, weil er auf Zypressen (Cupressus)
spezialisiert ist, zumindest in Südfrankreich, Italien und Korsika. In Mitteleuropa, wohin er kürzlich eingeschleppt worden ist, befällt er nun allerdings auch Lebensbäume (Thuja).
An solchen kann man ihn von Mai bis Anfang Juli finden.
Eingewandert ist offenbar auch der relativ
kurzrüsselige aber monophage (sich von nur einer Pflanzengattung ernährende) Spitzmausrüssler Hypophyes pallidulus, der vom Referenten unlängst auf Tamarisken (Tamarix) im
Lido von Lugano gefunden werden konnte. Ebenfalls auf Tamarisken sowie auch auf Rispelsträucher (Myricaria) spezialisiert, aber langrüsselig, sind die Rüsselkäfer Coniatus
repandus und C. wenckeri.
Wer so lange mit Rüsselkäferartigen arbeitet wie
unser eloquenter Referent, der findet und beschreibt hin und wieder auch eine für die Wissenschaft neue Art, so wie den Dickmaulrüssler Otiorhynchus grischunensis. Dieser lebt
polyphag in alpinen Rasen und Zwergstrauchheiden zwischen 1900 m und 2400 m ü.M. Wie es scheint, gibt es bei dieser Art nur Weibchen, die sich somit parthenogenetisch (als Jungfern
wiederum Jungfern erzeugend) fortpflanzen.
Wer gerne neue Arten beschreibt, scheut sich
andererseits meist auch nicht, ungültige Artnamen einzuziehen. Als nämlich unser Referent das vom Grossen St. Bernhard (VS) stammende Typus-Exemplar des Rüsselkäfers Dichotrachelus
valesiacus Stierlin 1878 untersuchte, erkannte er zweierlei. Erstens handelt es sich dabei nicht um ein Weibchen, wie
Stierlin (1878) glaubte, sondern um ein Männchen. Zweitens liess sich dieses problemlos als Dichotrachelus verrucosus (Kiesenwetter,
1852) bestimmen, womit D. valesiacus zum jüngeren Synonym von D. verrucosus wurde.
Eine nah verwandte, aber bisher nur aus Frankreich
und Italien bekannte Art, nämlich (sehr wahrscheinlich) Dichotrachelus alpestris, fand unser Referent neu im Puschlav und zwar auf dem Corn dal Solcun, wo man in alpinen
Moospolstern von Blockschuttfluren die Larven finden kann.
Ende der Sitzung: 2045 Uhr der Aktuar: Rainer Neumeyer
|