|
ENTOMOLOGISCHE GESELLSCHAFT ZÜRICH, Sitzung vom 22. Januar 2010
Vorsitz: Claude Meier
Anwesend: 53 Mitglieder und Gäste
Entschuldigt: E. Bolli, Christine Dobler Gross, W. Ettmüller, M. Haab, E. Hartmeier,
Heidi Günthardt
--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Dr. Marco Moretti: Wenn das Mediterrane zu den Alpen
kommt – Forschung an der WSL Bellinzona
Wie generell entlang der Alpensüdseite sind auch im Tessin die Winter mild
und eher trocken, die übrigen Jahreszeiten sonnig, aber auch sehr niederschlagsreich. Man nennt dieses Lokalklima insubrisch. Von Norden her ist es atlantisch und kontinental
beeinflusst, von Süden her mediterran. Zudem ist das Gelände im Tessin oft steil und die Distanzen zwischen den Höhenstufen sind dementsprechend kurz. All dies trägt zu einem grossen
Artenreichtum auf engem Raum bei. So kann man im Tessin (2'812 km2) sowohl boreoalpine Florenelemente wie die Alpenazalee (Loiseleuria procumbens), als auch mediterrane
wie die Salbeiblättrige Zistrose (Cistus salviifolius) finden.
Häufige, besonders im Winter auftretende Waldbrände sind ebenfalls typisch fürs Tessin. Ihren Einfluss auf die Biodiversität untersuchte
der Referent im streckenweise lichten, von Wiesen durchsetzten Waldgürtel von Brissago bis Gordola – also oberhalb des Nordufers des Lago Maggiore – indem er dort mehrere Jahre lang
Fallen für Invertebraten auslegte und zwar in dreierlei Probeflächen (à 4 Aren): solche in denen es schon mehrmals, solche in denen es nur einmal und solche in denen es noch nie gebrannt
hat. Das Ganze ist weniger dramatisch als man befürchten könnte, denn die Artenzusammensetzung des Gebietes ist schon ziemlich an die Feuer angepasst, wenn auch noch nicht so weitgehend
wie in mediterranen Gefilden (wo es übrigens jeweils im Sommer brennt). Es dominiert aber die recht feuerresistente Edelkastanie (Castanea sativa) und zudem erfasst das Feuer kaum
je die Kronenschicht. So heiss (700°C) es manchmal lodern kann, 5 cm tief im Boden wird es dabei kaum wärmer als 15°C. Schon ein Jahr danach spriessen wieder Farne und Kastanien. Nach
17-24 Jahren sieht alles fast wieder so aus wie vor dem Feuer.
Insgesamt wurden im Gebiet 91 Pflanzen- und 1085 Tierarten festgestellt. Während geschlossene Waldpartien (ca. 20 Pflanzenarten) sich
überall ähnelten, enthielten lichte Waldpartien (ca. 60 Pflanzenarten), Waldränder und Wiesen (> 60 Pflanzenarten) umso mehr Tierarten, je mehr es zuvor gebrannt hatte. Bei Spinnen etwa
fand man auf nie abgebrannten Flächen im Durchschnitt 14, auf nur einmal abgebrannten 16 und auf mehrmals abgebrannten 25 Arten. Auf solchen Brandflächen traten mitunter in grosser Zahl
Individuen von Arten auf, die anderswo selten geworden sind, wie die Schmalbiene Lasioglossum minutulum, der Zierliche Widderbock (Xylotrechus antilope) oder die
Baldachinspinne Meioneta gulosa. Gefährdete, in der Roten Liste aufgeführte Arten wie der Hirschkäfer (Lucanus cervus) oder die Grosse Wiesenameise (Formica pratensis)
profitierten ebenfalls von Brandereignissen.
Einige Arten scheinen auf abgebrannte Flächen geradezu spezialisiert zu sein – also pyrophil (Feuer liebend) – wie die
Rindenwanze (Aradidae) Aradus lugubris. Sie saugt an Pilzen, die ebenfalls pyrophil sind, so wie der Gemeine Kohlenbecherling (Geopyxis carbonaria). Den schwarzen
Laufkäfer (Carabidae) Sericoda quadripunctata findet man oft unter verkohlten Holzstücken, den Spitzmausrüssler (Apionidae) Phrissotrichum tubiferum auf der
Salbeiblättrigen Zistrose, deren Samen durch Feuer zum Keimen angeregt werden.
Andererseits konnten sich Tiere der Streuschicht wie Asseln (Isopoda) und Doppelfüssler (Diplopoda) in insubrischen Wäldern noch nicht so
gut ans Feuer anpassen wie in mediterranen.
Während tropische Wälder im reifen Stadium (Klimax) die denkbar höchste Biodiversität aufweisen, erreichen unsere Wälder ihre
höchstmögliche Artenzahl in einem mittleren, parkartigen Sukkzessionsstadium. Ereignisse wie Windwurf und Holzschlag fördern in unseren Wäldern den Artenreichtum, weil sie sie öffnen.
Feuer hat denselben Effekt, sofern es in Gegenden auftritt, in welchen die meisten lokalen Arten sich daran anpassen konnten. Ein Effekt, den wir uns im Tessin wünschen, in einer Zeit da
die lokale Bevölkerung den Wald viel weniger nutzt und schlägt als noch in früheren Zeiten.
Ende der Sitzung: 2110 Uhr der Aktuar: Rainer Neumeyer
|