Entomologische Gesellschaft Zürich

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Vortragsprotokolle der EGZ

Prof. Dr. Jürg Zettel:  Der Pfynwald - ein Hotspot der Biodiversität

 

 

ENTOMOLOGISCHE GESELLSCHAFT ZÜRICH, Sitzung vom 17. Dezember 2010
Vorsitz:           Gerhard Bächli
Anwesend:      50 Mitglieder und Gäste
Entschuldigt:   11 Mitglieder

Mitteilungen:   Markus Haab stellt im Blutspendezentrum Uster (14.1.–13.5.) Fotos (Faszination Valser Bergwelt) aus. Das Neujahrsblatt der Naturforschenden Gesellschaft Schaffhausen 2011 schrieb Verena Lubini (Wasserinsekten, Leben in zwei Welten).

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Prof. Dr. Jürg Zettel: Der Pfynwald – ein Hotspot der Biodiversität

 

Wo die Rhone im Wallis die Sprachgrenze kreuzt, umfasst das sommertrockene und winterkalte Pfynwaldgebiet mehr als nur den grössten Föhrenwald der Schweiz. Wir finden hier auch einen Auenwald von nationaler Bedeutung, ausgedehnte Pionierflächen in Form von verbuschten Kies- und Sandbänken (Rottensand), eine Federgrassteppe mit Grauscheidigem Federgras (Stipa pennata) und Haar-Pfriemengras (Stipa capillata), abflusslose, nährstoffarme (oligotrophe) Kleinseen in Bergsturzlage (unterhalb des Pfynberges mit Gorwetschgrat) und sogar blumenreiche Mähwiesen um den Weiler Milljere. Nicht minder vielfältig zeigt sich die nächste Umgebung, denn oberhalb des rechten Rhoneufers locken Felsensteppe und Rebberge, während von Süden her der Illgraben alljährlich für Abwechslung in Form von dolomithaltigen Murgängen sorgt. Im Südwesten, oberhalb von Susten, lässt sich ferner seit 2003 die Sukzession nach einem grossen Waldbrand studieren, ähnlich wie im Rottensand nach 1993 die Sukzession nach einem Jahrhunderthochwasser.

Erst 1997 wurde das facettenreiche Gebiet unter Naturschutz gestellt, 2005 dann zum Regionalen Naturpark erklärt. Dieser könnte bald auch nationale Bedeutung erlangen. Ziele sind ein 300 m breites Flussbett, offenere Rottensandflächen, mehr Stillgewässer und ein lichterer Pfynwald.

Nun entfaltet der Referent einen prallen Bilderbogen voller bemerkenswerter Gliederfüssler. Auf Pionierflächen dominiert die Silbrige Uferameise (Formica selysi), die gern Raupen des Idas-Bläulings (Lycaeides idas) besucht. Anwesend sind auch Silbergrauer Bläuling (Polyommatus coridon), Sanddornschwärmer (Hyles hippophaes) und Nachtkerzenschwärmer (Proserpinus proserpina). Mehr in Wiesen als im Reich der Uferameise jagt die Amazone (Polyergus rufescens) nach Sklaven, wobei es zu Beginn eines Überfalls durchaus zu Kämpfen mit den überfallenen Hilfsameisen (Untergattung Serviformica) kommt. Im Sandboden nistet die Kreiselwespe Bembix rostrata ebenso wie die altbekannte Kleine Heuschrecken-Sandwespe (Prionyx kirbii; Protokoll vom 23.1.2009). Ihr Name klingt für den politisch sensiblen Referenten "zu amerikanisch", ehrt jedoch einen Engländer, nämlich den "Vater der Entomologie" William Kirby (1759-1850).

Auf Blüten lauert das fangschreckenartige Teufelchen (Phymata crassipes) – eine Gespensterwanze (Phymatidae) – auf Bienen, während auf Birken die Fleckige Blutwanze (Elasmucha grisea) durch ihre ausgeprägte Brutpflege verblüfft. Am Boden jagen Dünen-Sandlaufkäfer (Cicindela hybrida) und Flussufer-Haarahlenläufer (Asaphidion caraboides), im Totholz lebt der Achtpunktige Kiefernprachtkäfer (Buprestis octoguttata). Auf Ameisen lauern die Larven (Ameisenlöwen) der Dünen-Ameisenjungfer (Myrmeleon bore) in ihren keineswegs vor Regen geschützten Trichtern. Diese ähneln den Fallgruben der wurmförmigen, räuberischen Maden der zu den Fliegen (Diptera: Brachycera) gehörenden Wurmlöwen (Vermileonidae: Vermileo vermileo).

Bekanntlich werden die grossen, aber unauffälligen Weibchen der Roten Röhrenspinne (Eresus kollari) nur alle drei Jahre synchron geschlechtsreif. Wie wir erfahren, soll es 2012 wieder soweit sein, so dass man im Pfynwaldgebiet dann die kleineren, aber sehr bunten Männchen beobachten wird. Im Gebiet lebt auch der Ammen-Dornfinger (Cheiracanthium punctorium), eine nachtaktive Dornfingerspinne (Miturgidae), deren Biss nicht ganz ungefährlich sein soll.

Charakterart des dynamischen Flusskorridors ist der flugunfähige Kiesbank-Grashüpfer (Chorthippus pullus). Er erträgt weder Schattenwurf noch vermooste Sandböden. Ähnliche Ansprüche stellen Türks Dornschrecke (Tetrix tuerki) und die vor über 20 Jahren ausgestorbene, kürzlich aber wieder ausgesetzte Fluss-Strandschrecke (Epacromius tergestinus). Verbuschte Bereiche meiden auch Italienische Schönschrecke (Calliptamus italicus), Blauflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens) und Westliche Beissschrecke (Platycleis albopunctata), während der Steppengrashüpfer (Chorthippus vagans) sich als anspruchsloser erweist.

  Ende der Sitzung: 2045 Uhr                             der Aktuar: Rainer Neumeyer

 

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