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ENTOMOLOGISCHE GESELLSCHAFT ZÜRICH, Sitzung vom 4. März 2011
Vorsitz: Gerhard Bächli
Anwesend: 52 Mitglieder und Gäste
Mitteilung: Nächster Vereinsanlass:
Vernissage der Ausstellung "Faszination Insekten" am 11.3. um 17 Uhr am Zoologischen Museum Zürich (Karl Schmid-Str. 4, 8006 ZH)
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Petr Zábranský: Naturschutz durch Unterlassung: Seltene Käfer in "ungepflegten" Bäumen
Während des Pleistozäns
(Eiszeitalter, endet vor > 11'000 Jahren) überlebten von den xylobionten (im Holz lebenden) Käfern in unseren Breiten wohl nur die polyphagen (viele Hölzer fressenden) Arten. Während
seither mancherorts (z.B. USA) viele monophage (nur 1 Holz fressende) Arten von Süden her wieder einwandern konnten, war dieser Weg nach Mitteleuropa von den Alpen weitgehend versperrt.
Deshalb ist unsere xylobionte Käferfauna vergleichsweise noch immer eher unspezialisiert. So sind bei uns von 100 Bockäferarten (Cerambycidae), die man auf Eichen findet, nur deren 15
monophag. Alle anderen können auch in einigen anderen Hölzern leben.
Dennoch sehen wir zahlreiche durchaus einheimische Bockkäfer, Prachtkäfer (Buprestidae)
und Schnellkäfer (Elateridae), die so selten sind, dass man pro Art in Mitteleuropa teilweise kaum 10 Fundorte kennt. Es sind Käfer, die zwar nicht unbedingt monophag sind, aber ganz
bestimmte Zustände des Holzes verlangen. Zu erwähnen wäre der Hellgelbschuppige Grubenstirn-Schnellkäfer (Lacon
querceus). Seine Larven leben räuberisch im trockenen, rotfaulen Holz alter, stehender Eichen. Die Larven des Zottenbocks (Tragosoma
depsarium) minieren dieweil mindestens 3 Jahre lang im liegenden, feuchten aber sonnenexponierten Totholz von Nadelbäumen. Noch länger (bis zu 10 Jahre) brauchen die Larven des
Goldgrünen Eichenprachtkäfers (Eurythyrea quercus), um sich in sonnigem Starktotholz mehrhundertjähriger Eichen zu entwickeln.
All diese glamourösen Käfer sind Urwaldrelikte, die eine Kombination von starkem Totholz grosser und
somit alter Bäume an sonniger Lage benötigen. In unseren Wäldern erntet man die Bäume aber in der Regel schon im Alter von 80 bis 150 Jahren. Wo das ausnahmsweise nicht der Fall ist,
lässt man die Wälder namentlich in tieferen Lagen nur zu oft im Sinne eines falsch verstandenen Dauerwaldkonzeptes so dicht werden, dass allfällige Tothölzer beschattet werden.
An dieser Stelle wollen wir uns fragen, weshalb die Mehrzahl der als Urwaldrelikte geltenden xylobionten Käfer auf
trockenes und vor allem besonntes Totholz angewiesen ist. Waren die nacheiszeitlichen Urwälder Mitteleuropas doch nicht so dicht und düster, wie man das noch vor Jahrzehnten glaubte?
Tatsächlich setzt sich immer mehr die Auffassung von Verfechtern der Megaherbivorentheorie (Geiser
1992: Laufener Seminarbeiträge 2/92: 22-34) durch, wonach
unsere einheimischen Urwälder dank grosser Pflanzenfresser (Megaherbivoren) eher halboffenen, sonnigen Pärken glichen als geschlossenen Wäldern. Erst als wir nach Europäischem
Waldelefanten (Elephas antiquus) und Riesenhirsch (Megaloceros
giganteus) auch noch Auerochse (Bos primigenius), Tarpan (Equus ferus) und Wisent (Bison bonasus) ausrotteten,
wuchsen die Wälder zu. Viele xylobionte Käfer wurden damit an die wenigen sonnigen Randbereiche abgedrängt, wo man Totholz und sehr alte (500-1000 jährige) Bäume duldet.
Wie wir nebenbei erfahren, ist auch unsere Honigbiene (Apis mellifera) ein Urwaldrelikt. Noch heute vermögen
entwichene Völker erfolgreich in grossen Höhlen alter Bäume zu nisten. In solchen lebt auch der zu den Rosenkäfern (Scarabaeidae: Cetoniinae) gehörende, sehr seltene Juchtenkäfer (Osmoderma
eremita), sofern genügend (> 50 l) braunfauler Mull vorhanden ist.
Schlüpft ein xylobionter Käfer aus seiner Puppe, muss er sich den Weg vom Holzinnern zur Aussenwelt erst noch
freinagen. Dadurch entsteht an der Holzoberfläche ein typisches Ausbohrloch. Nicht immer bleibt der Käfer dann auf dem Baum, um etwa Blätter zu fressen wie der Goldgrüne
Eichenprachtkäfer. Andere Arten wie der Achtzehnfleckige Ohnschild-Prachtkäfer (Acmaeodera degener) fressen an Blüten.
Nach diesem packenden Vortrag ist es allen klar, dass wir lichtere Wälder mit älteren Bäumen und mehr
Totholz – liegendes, vor allem aber auch stehendes – brauchen. Insbesondere wird auch empfohlen, beim Fällen von Bäumen viel höhere Baumstrünke stehen zu lassen, als bisher üblich.
Bereits während der Diskussion zeigt der Referent mit einem Beil, wie man frisch geschlüpfte, aber noch
nicht ausgebohrte Kirschprachtkäfer (Anthaxia candens) aus einem Ast hervorholt.
Ende der Sitzung: 2100 Uhr der Aktuar: Rainer Neumeyer
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