|
ENTOMOLOGISCHE GESELLSCHAFT ZÜRICH, Sitzung vom 12. Januar 2007
Vorsitz: Claude Meier
Anwesend: 68 Mitglieder und Gäste
--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Dr. Denise Wyniger – Sieh Dir mal die Wanze an ....
Die Wanzen (Heteroptera) sind eine
Ordnung (nach alternativer Auffassung: Unterordnung) der Schnabelkerfe (Hemiptera), also verwandt mit der Ordnung (bzw. Unterordnung) der Gleichflügler (Homoptera), d.h. mit Zikaden (Auchenorrhyncha)
und Pflanzenläusen (Sternorrhyncha). Weltweit sind rund 40'000 Wanzenarten beschrieben, die sich auf 85 Familien verteilen. Aus der Schweiz kennt man bislang rund 760 Arten, aus dem
faunistisch generell weniger reichhaltigen Deutschland aber bereits über 1000 Arten. Die Erforschung der schweizerischen Wanzenfauna steckt also noch in ihren Anfängen, zumal der letzte
Katalog von Emil Frey-Gessner vor fast 150 Jahren geschrieben wurde.
Wanzen sind gekennzeichnet durch einen stechend-saugenden, in Ruhelage unter dem Körper eingeklappten Rüssel, durch eine Drüsenöffnung
seitlich am Thorax (Brustteil) und natürlich durch die häutigen Spitzen der ansonsten harten Vorderflügel. Diese Deckflügel sind also nicht homogen wie bei Käfern (Coleoptera), was den
Wanzen auch ihren wissenschaftlichen Namen (Heteroptera) einbrachte. Es existieren aber auch flügellose Wanzen, wie z.B. die berüchtigte Bettwanze (Cimex lectularius).
Das Sekret der erwähnten Brustdrüse dient bisweilen zur Abwehr, wie etwa bei der häufigen Grünen Stinkwanze (Palomena prasina),
oft aber auch zur innerartlichen Kommunikation. Stets riecht das Sekret artspezifisch, so bei der Bettwanze nach abgestandener Milch, bei der Streifenwanze (Graphosoma lineatum)
jedoch nach alten Äpfeln. Einige Wanzen können auch akustisch kommunizieren, wie etwa stridulierende Arten von Ruderwanzen (Corixidae).
Die meisten Wanzen saugen Säfte aus Siebröhren (Phloëm) von Pflanzen, wobei sie sich in der Regel wirtsspezifisch verhalten.
Dementsprechend hält sich etwa die zu den Bodenwanzen (Lygaeidae) gehörende Birkenwanze (Kleidocerys resedae) an Birken (Betula) und Alpenrosen (Rhododendron),
während die zu den Lederwanzen (Coreidae) gehörende Wacholder-Randwanze (Gonocerus juniperi) Wacholder (Juniperus) bevorzugt.
Einige Gruppen leben räuberisch oder parasitisch, wie die Raubwanzen (Reduviidae), indem sie kleinere Beutetiere aussaugen und damit
töten, oder indem sie grössere Wirtstiere (incl. Menschen) aufsuchen und deren Blut saugen. Namentlich Vertreterinnen der neuweltlichen Unterfamilie Triatominae sind dabei gefürchtete
Überträgerinnen der durch Trypanosomen verursachten Chagas-Krankheit. Geradezu auf menschliches Blut spezialisiert ist die Bettwanze, welche allerdings keine Raubwanze ist, sondern eine
Plattwanze (Cimicidae).
Wanzen besiedeln praktisch alle Lebensräume, wenn auch mehr oder weniger häufig. Einige können mitunter in Massen auftreten, wie
Malvenwanzen (Oxycarenus lavaterae), welche sich im Dezember 2004 in Basel bienenschwarmartig an unzähligen Lindenstämmen (Tilia) sammelten und dies gleich beim ersten
Auftritt der Art auf der schweizerischen Alpennordseite. Andere Arten bleiben ungleich seltener, allen voran die legendäre Sichelwanze (Nabidae) Nabis alpina. Seit sie in einem
alten Buch für die Meyenwand am Rhonegletscher angegeben wurde, hat man sie nirgends mehr wieder gefunden.
Voller Geheimnisse steckt auch die pyrophile ("feuerliebende") Rindenwanze (Aradidae) Aradus lugubris. Normalerweise sucht man sie
vergeblich, aber nach einem Waldbrand taucht sie jeweils prompt auf, um an Pilzen zu saugen, die nur auf verbranntem Holz wachsen.
Zum Abschluss ihres äusserst informativen Vortrages berichtet die eloquente Referentin von einer ergiebigen Forschungsreise nach
Südafrika, wo es der betreffenden Arbeitsgruppe gelang, die Zahl der dort bekannten Wanzenarten um eindrückliche 150% zu vermehren!
Ende der Sitzung: 2055 Uhr der Aktuar: Rainer Neumeyer
|